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Chinesische
Lethargie
Von Joachim Hentschel
Einst waren Guns N'Roses
die Band ohne Angst vor dem Tod, Helden
kompromissloser Selbstzerstörung. Jetzt haben die
furchtlosen Rocker mit dem ehemaligen Stone-Temple-Pilots-Sänger
Weiland die Band Velvet Revolver gegründet
- um Spaß zu haben, während
Ex-Chef Axl Rose weiterhin zaudert.
BMG
Rockband Velvet Revolver (mit Sänger
Weiland, l.): Nikotinpflaster für
Leute, die unbelehrbar auf Neues von Guns
N'Roses gewartet haben
Im Prinzip handelt diese Musik vom Tod.
Davon, ständig in Augenkontakt zu
sein mit dem dunklen Mister, sich in seine
Nähe zu saufen, zu spritzen und zu
huren, ohne sonderlich viel Spaß daran
zu haben. Und ihm dann im letzten Moment
wieder ein Schnippchen zu schlagen, wie
im "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann"-Spiel.
Wenn er aber kommt, dann laufen wir davon. Schon mit Mitte 20, auf
der Hülle
ihrer ersten Platte, sahen die Mitglieder
der Gruppe Guns N'Roses so zerfressen,
ruiniert und leichenstarr aus, wie es sich
für eine Rockband eigentlich erst
nach drei Welttourneen und zehn verprassten
Millionen gehört. "Take me down
to the paradise city", das klang wie
ein Gospel-Song: Hol mich heim ins Paradies,
wo das Gras grün ist, wo es schöne
Mädchen gibt. War nur Spaß,
sie leben alle noch. Ein paar von ihnen
machen jetzt sogar wieder Musik.
Und das mit derselben
Todesverachtung, Rückhalt- und Kopflosigkeit wie früher,
obwohl sich die Musiker aufwendig entgiftet
haben. Velvet Revolver heißt die
Band, die nun ihr erstes Album "Contraband" veröffentlicht
hat und in den USA zurzeit Konzerthallen
berockt, die meistens irgendwie das Wort "Ballroom" im
Namen haben. Obacht: Guns N' Roses gibt
es parallel auch noch. Allerdings hat die
Band seit elf Jahren keine neuen Aufnahmen
fertig gekriegt, was für die Plattenfirma
Interscope schon deshalb tragisch ist,
weil sie in diesem Frühjahr sogar
eine provozierend lieblose "Greatest
Hits"-CD mit steinalten Liedern millionenfach
verkaufen konnte.
Debüt-Album "Contraband":
Freundschaftsspiel gegen den Tod
Doch zum Glück für eine andere
Plattenfirma (die BMG-Tochter RCA) haben
zwischendurch alle halbwegs produktiven
Guns N'Roses-Mitglieder die Band verlassen,
sich auf einsamen Straßen voneinander
entfernt und nun überraschend wieder
getroffen - wie in einer Kalendergeschichte
aus der Romantik, nur besonders romantisch
ist es nicht. Bei Velvet Revolver spielen
Gitarrist Saul Hudson, genannt Slash, Bassist
Michael McKagan, genannt Duff, und Schlagzeuger
Matt Sorum, ohne Spitznamen. Das sind stolze
drei Fünftel der zweiten gültigen
Guns N'Roses-Bandbesetzung. Um ein Haar
wäre als viertes Fünftel noch
Gitarrist Izzy Stradlin dabei gewesen,
der nach den ersten Revolver-Proben dankend
ablehnte. Es geht also weiter, das
Freundschaftsspiel gegen den Tod. Gitarrist
Slash, so berichteten Kuriere, habe bereits
die Abstinenz gebrochen und auf der Velvet-Revolver-Tournee
wieder mit dem Trinken und Rauchen angefangen.
Und an Stelle des verrückten Guns
N'Roses-Sängers Axl Rose haben sie
sich ausgerechnet Scott Weiland in die
Gruppe geholt, früher Hauptmann der
so genannten Grunge-Band Stone Temple Pilots,
den die Heroinsucht in den letzten zehn
Jahren großteils arbeitsunfähig
gemacht hatte.
Die medizinischen Fakten,
die exakte Phasenbestimmung des körperlichen Verfalls soll man
den Doktoren überlassen - das Interessanteste
an Velvet Revolver ist, dass es die Band überhaupt
gibt. Dass die Mitglieder überlebt
und das geschafft haben, was den alten
Guns N'Roses nicht mehr gelingen wollte:
sich auf etwas zu einigen und das Chaos
so weit zu ordnen, dass dabei Musik herauskommt,
die man tatsächlich hören kann.
Das Album "Contraband" ist kräftig
posierender Gitarren-Rock'n'Roll, richtig
gut geeignet als Nikotinpflaster für
Leute, die unbelehrbar auf Neues von Guns
N'Roses gewartet haben.
AP
Rock-Heroen Guns N'Roses (1992) mit
Sänger
Axl Rose (M.): Eingeschüchtert vom
schwarzen Mann?
Im Video zu dem Song "Slither" zeigt
Sänger Weiland seinen verhungerten
Oberkörper, spreizt vor Totenköpfen
die Arme ab wie ein Gekreuzigter und lässt
sich von Fan-Komparsen anfassen. Der Teufel
der Rolling Stones ist noch immer ein alter
Hippie dagegen. Und Axl Rose, der sein
Pseudonym vor 20 Jahren aus den Buchstaben "oral
sex" zusammensetzte und die Rechte
am Namen Guns N'Roses hält, ist ein
Kasper. Vor wenigen Tagen trat Eminem bei
den MTV Movie Awards mit Piratenkopftuch,
Nietenbändern und Haarverlängerung
als Axl-Kopie auf, blinde Verehrer sehen
hier vielleicht die Hommage, nicht die
Parodie. Die Guns N'Roses-Rückkehr-Platte "Chinese
Democracy" wurde schon so oft angekündigt
wie der Weltuntergang und unter anderem
aus dem originellen Grund verschoben, dass
Axl Rose sich erst noch in ein paar Computerprogramme
einlesen wolle. Die neuen Musiker und Bediensteten
müssen Schweigegelübde unterschreiben,
auf Konzerten singt er vor allem die Lieder
von früher, bei denen es sicher nichts
falsch zu machen gibt.
Die große Guns N'Roses-Tournee Ende
2002 wurde abgebrochen. Der Sänger
war zu zwei Terminen gar nicht erschienen,
was dem Veranstalter Clear Channel zu einer
noch originelleren Ausrede verhalf: Der
Sachschaden, den wütende Konzertbesucher
bei solchen Gelegenheiten anrichten, sei
auf Dauer zu hoch. Es soll eine Zeit gegeben
haben, in der Jugendliche die Stühle
zerschlugen, wenn sie Rock'n'Roll hörten
- heute tun sie es manchmal auch deshalb,
weil er sich verweigert. Guns N'Roses,
die Band ohne Angst vor dem Tod, ohne Ideale,
ohne Maß und Ziel: jetzt auch ohne
Musik!
Hat der schwarze Mann
Axl Rose also doch eingeschüchtert? Seinen diesjährigen "Rock
In Rio"-Auftritt hat er ebenfalls
abgesagt. Dass er bald aus der Deckung
kommt, ist unwahrscheinlich, man würde
es ihm auch nicht raten. Velvet Revolver
dagegen haben das, was es zu tun gab, richtig
gemacht und tragen nun das Risiko: Alles,
was Guns N'Roses im Jahr 2004 widerfahren
würde, wird zwangsläufig ihnen
passieren. Im Interview mit der Zeitschrift "Visions" hat
Sänger Scott Weiland geunkt: "Hoffentlich
sind die Götter des Rock'n'Roll uns
milde gestimmt." Die Götter des
Rock'n'Roll - wir dachten immer, das seien
sie selbst.
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