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June 2004: Spiegel Online - Chinesische Lethargie (German)

   
 

Last updated: June 20, 2004
Credits: Thanks to Boris

   
   

Chinesische Lethargie

Von Joachim Hentschel

Einst waren Guns N'Roses die Band ohne Angst vor dem Tod, Helden kompromissloser Selbstzerstörung. Jetzt haben die furchtlosen Rocker mit dem ehemaligen Stone-Temple-Pilots-Sänger Weiland die Band Velvet Revolver gegründet - um Spaß zu haben, während Ex-Chef Axl Rose weiterhin zaudert.

BMG
Rockband Velvet Revolver (mit Sänger Weiland, l.): Nikotinpflaster für Leute, die unbelehrbar auf Neues von Guns N'Roses gewartet haben
Im Prinzip handelt diese Musik vom Tod. Davon, ständig in Augenkontakt zu sein mit dem dunklen Mister, sich in seine Nähe zu saufen, zu spritzen und zu huren, ohne sonderlich viel Spaß daran zu haben. Und ihm dann im letzten Moment wieder ein Schnippchen zu schlagen, wie im "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann"-Spiel. Wenn er aber kommt, dann laufen wir davon.

Schon mit Mitte 20, auf der Hülle ihrer ersten Platte, sahen die Mitglieder der Gruppe Guns N'Roses so zerfressen, ruiniert und leichenstarr aus, wie es sich für eine Rockband eigentlich erst nach drei Welttourneen und zehn verprassten Millionen gehört. "Take me down to the paradise city", das klang wie ein Gospel-Song: Hol mich heim ins Paradies, wo das Gras grün ist, wo es schöne Mädchen gibt. War nur Spaß, sie leben alle noch. Ein paar von ihnen machen jetzt sogar wieder Musik.

Und das mit derselben Todesverachtung, Rückhalt- und Kopflosigkeit wie früher, obwohl sich die Musiker aufwendig entgiftet haben. Velvet Revolver heißt die Band, die nun ihr erstes Album "Contraband" veröffentlicht hat und in den USA zurzeit Konzerthallen berockt, die meistens irgendwie das Wort "Ballroom" im Namen haben. Obacht: Guns N' Roses gibt es parallel auch noch. Allerdings hat die Band seit elf Jahren keine neuen Aufnahmen fertig gekriegt, was für die Plattenfirma Interscope schon deshalb tragisch ist, weil sie in diesem Frühjahr sogar eine provozierend lieblose "Greatest Hits"-CD mit steinalten Liedern millionenfach verkaufen konnte.

Debüt-Album "Contraband": Freundschaftsspiel gegen den Tod
Doch zum Glück für eine andere Plattenfirma (die BMG-Tochter RCA) haben zwischendurch alle halbwegs produktiven Guns N'Roses-Mitglieder die Band verlassen, sich auf einsamen Straßen voneinander entfernt und nun überraschend wieder getroffen - wie in einer Kalendergeschichte aus der Romantik, nur besonders romantisch ist es nicht. Bei Velvet Revolver spielen Gitarrist Saul Hudson, genannt Slash, Bassist Michael McKagan, genannt Duff, und Schlagzeuger Matt Sorum, ohne Spitznamen. Das sind stolze drei Fünftel der zweiten gültigen Guns N'Roses-Bandbesetzung. Um ein Haar wäre als viertes Fünftel noch Gitarrist Izzy Stradlin dabei gewesen, der nach den ersten Revolver-Proben dankend ablehnte.

Es geht also weiter, das Freundschaftsspiel gegen den Tod. Gitarrist Slash, so berichteten Kuriere, habe bereits die Abstinenz gebrochen und auf der Velvet-Revolver-Tournee wieder mit dem Trinken und Rauchen angefangen. Und an Stelle des verrückten Guns N'Roses-Sängers Axl Rose haben sie sich ausgerechnet Scott Weiland in die Gruppe geholt, früher Hauptmann der so genannten Grunge-Band Stone Temple Pilots, den die Heroinsucht in den letzten zehn Jahren großteils arbeitsunfähig gemacht hatte.

Die medizinischen Fakten, die exakte Phasenbestimmung des körperlichen Verfalls soll man den Doktoren überlassen - das Interessanteste an Velvet Revolver ist, dass es die Band überhaupt gibt. Dass die Mitglieder überlebt und das geschafft haben, was den alten Guns N'Roses nicht mehr gelingen wollte: sich auf etwas zu einigen und das Chaos so weit zu ordnen, dass dabei Musik herauskommt, die man tatsächlich hören kann. Das Album "Contraband" ist kräftig posierender Gitarren-Rock'n'Roll, richtig gut geeignet als Nikotinpflaster für Leute, die unbelehrbar auf Neues von Guns N'Roses gewartet haben.

AP
Rock-Heroen Guns N'Roses (1992) mit Sänger Axl Rose (M.): Eingeschüchtert vom schwarzen Mann?
Im Video zu dem Song "Slither" zeigt Sänger Weiland seinen verhungerten Oberkörper, spreizt vor Totenköpfen die Arme ab wie ein Gekreuzigter und lässt sich von Fan-Komparsen anfassen. Der Teufel der Rolling Stones ist noch immer ein alter Hippie dagegen. Und Axl Rose, der sein Pseudonym vor 20 Jahren aus den Buchstaben "oral sex" zusammensetzte und die Rechte am Namen Guns N'Roses hält, ist ein Kasper. Vor wenigen Tagen trat Eminem bei den MTV Movie Awards mit Piratenkopftuch, Nietenbändern und Haarverlängerung als Axl-Kopie auf, blinde Verehrer sehen hier vielleicht die Hommage, nicht die Parodie.

Die Guns N'Roses-Rückkehr-Platte "Chinese Democracy" wurde schon so oft angekündigt wie der Weltuntergang und unter anderem aus dem originellen Grund verschoben, dass Axl Rose sich erst noch in ein paar Computerprogramme einlesen wolle. Die neuen Musiker und Bediensteten müssen Schweigegelübde unterschreiben, auf Konzerten singt er vor allem die Lieder von früher, bei denen es sicher nichts falsch zu machen gibt.

Die große Guns N'Roses-Tournee Ende 2002 wurde abgebrochen. Der Sänger war zu zwei Terminen gar nicht erschienen, was dem Veranstalter Clear Channel zu einer noch originelleren Ausrede verhalf: Der Sachschaden, den wütende Konzertbesucher bei solchen Gelegenheiten anrichten, sei auf Dauer zu hoch. Es soll eine Zeit gegeben haben, in der Jugendliche die Stühle zerschlugen, wenn sie Rock'n'Roll hörten - heute tun sie es manchmal auch deshalb, weil er sich verweigert. Guns N'Roses, die Band ohne Angst vor dem Tod, ohne Ideale, ohne Maß und Ziel: jetzt auch ohne Musik!

Hat der schwarze Mann Axl Rose also doch eingeschüchtert? Seinen diesjährigen "Rock In Rio"-Auftritt hat er ebenfalls abgesagt. Dass er bald aus der Deckung kommt, ist unwahrscheinlich, man würde es ihm auch nicht raten. Velvet Revolver dagegen haben das, was es zu tun gab, richtig gemacht und tragen nun das Risiko: Alles, was Guns N'Roses im Jahr 2004 widerfahren würde, wird zwangsläufig ihnen passieren. Im Interview mit der Zeitschrift "Visions" hat Sänger Scott Weiland geunkt: "Hoffentlich sind die Götter des Rock'n'Roll uns milde gestimmt." Die Götter des Rock'n'Roll - wir dachten immer, das seien sie selbst.


   
 
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